Fuer die Ohren:
Au revoir Simone – sad song
Ich glaube nicht, dass ein Mann sich vorstellen kann, was Mädchen für einen riesengroßen Zirkus veranstalten, wenn sie verliebt sind. Einen Zirkus, bei dem wir nur allzu oft der Clown sind, während er, der Zauberer, die Hauptattraktion ist. Derjenige, auf den die Scheinwerfer gerichtet sind. Derjenige in der Manege, der alle in seinen Bann zieht und verzaubert und dem alle oder zumindest wir zujubeln. Die Eintrittskarte ist unser Herz.
ENTRÉE
Gerade eben habe ich meine Schubladen sortiert und meine Kisten ausgeräumt und dabei fielen mir wieder alte Briefe von Schulfreundinnen in die Hände. Briefe über die Jungen, in die wir verliebt waren:
„ Ich liebe Andreas wirklich. Er ist so lieb und süß.“ Briefe, über unsere Wünsche und Hoffnungen:
„Ich würde es dir echt gönnen, wenn du mit Lorenz zusammen kommst. Ihr passt echt gut zusammen." Die Briefe waren das Programm unserer Zirkusveranstaltung:
„ Weißt du schon, dass Sebastian nicht mehr mit Juliana zusammen ist? Er hat Schluss gemacht. Sie hatten sich sogar vor allen geküsst als wenn sie schon sechzehn oder so wären.“
Wir waren allerdings nicht nur der Clown, über den alle lachten, wir waren auch der Pausenclown, der zwischen den Nummern auftrat. Wir waren die Seiltänzerin, die hoch oben auf Zehenspitzen auf einem Seil balancierte und wir waren der Dompteur, der versucht hat den Löwen zu bändigen und zu zähmen. Manchmal waren wir in der Manege und manchmal nur auf der Tribüne. Die Highlights und Höhepunkte unserer Zirkusvorstellungen waren allerdings sehr bescheiden.
„Er hat Hi gesagt“
„Du hast es echt gut.“
Oder:
„ Er hat mich angesehen.“
„Echt?“
Liebe wird jedoch nicht leichter. Es wird immer wieder so sein, dass uns jemand verzaubert und sobald sich der Vorhang öffnet und er die Manege betritt hoffen wir auch heute noch, dass er uns auf der Tribüne sieht. So unwahrscheinlich es manchmal auch sein mag, weil wir nicht zu denjenigen gehören, die in der Loge sitzen. Dennoch zieht er uns mit seinen Zaubertricks in den Bann. Das Geheimnis lüften wir jedoch selten, weil er mit seinen Zaubersprüchen jedes Mal davon ablenkt:
Diggi, daggi
schurry, murry,
horum, harum,
lirum, larum,
raudi, maudi,
giri, gari,
posito,
besti, basti,
saron froh,
fatto, matto,
quid pro quo.
Noch nach der Vorstellung sind wir wie verzaubert. Wir geben seinen Namen in diverse Suchmaschinen ein um herauszufinden wo er schon aufgetreten ist. Wir lesen Zusammenfassungen von Zauberbüchern, die er mal gelesen hat oder vorhat noch zu lesen. Wir hören Lieder seiner Lieblingsbands.
Wir ziehen hinter dem Zirkus her und fahren kilometerweite (Um)wege nur um an dem Zelt vorbeizukommen, in dem er gerade eine Vorstellung gibt und rechtfertigen es vor uns damit, dass es eine wunderbare Abkürzung sei. Sehen wollen wir ihn nicht. Es wäre ja peinlich, wenn er in dem Moment auf seinem Einrad aus dem Zelt kommt, in dem wir an diesem vorbeifahren. Wir wollen einfach nur für einen Moment in seiner Nähe sein und uns verzaubern lassen.
Wir schreiben seinen Namen auf die Zirkuskarten und malen daneben Herzchen. Wir hängen seinen Nachnamen an unseren Vornamen und – natürlich – passen die beiden perfekt zueinander und bei jeder Vorstellung, bei der wir nur auf der Tribüne sitzen, hoffen wir, dass er uns in die Manege bittet. Dass wir zusammen mit ihm einen Zaubertrick vorführen dürfen. Einen Zaubertrick, der nicht bloß eine Illusion ist. Einen Zaubertrick, der ein Feuerwerk verursacht, so dass alle applaudieren während wir uns verbeugen und gemeinsam die Manege verlassen.